Ein Schwein im Nahen Osten

Rechtzeitig zum Corona-Lockdown erreichte mich höchst willkommene Post von Elster & Salis. Eines vorweg: Mit "Mutter aller Schweine" von Malu Halasa wird der Verlag einmal mehr seinem mission statement gerecht: "Wir wollen eine engagierte Literatur, die sich mit Lust, Schärfe und Präzision mit unserem Leben auseinandersetzt. Wir wollen Relevantes über die Welt und über uns erfahren."

Malu Halasas Roman spielt in Jordanien, und damit im Zentrum einer Region, die in hiesigen Breitengraden vor allem als konfliktreich, unberechenbar und problematisch wahrgenommen wird. Dass der Nahe Osten auch reich an Kultur, vielfältiger Geschichten und starker (Frauen-)Figuren ist, dämmert zwar irgendwo in unseren Hinterköpfen, geht aber im medialen Wirbel oft vergessen. Halasa ruft uns dies mit ihrem Roman in Erinnerung. Die US-Autorin mit jordanisch-philippinischen Wurzeln tut dies auf eine angenehm unaufgeregte Art, abseits orientalischer Klischees und mit einer originellen "storyline": Aufhänger der Geschichte ist nämlich - wie es der Titel schon sagt - ein Schwein. "Die Mutter aller Schweine" ist eine tierische Reproduktionsmaschine. Dank künstlicher Besamung hält sie die Metzgerei in Schwung, die der christliche jordanische Armeeoffizier Hussein Saba nach seiner Pensionierung in einer kleinen jordanischen Grenzstadt betreibt.

Dass dieses Unterfangen in der muslimischen Nachbarschaft nicht unbedingt mit Wohlwollen betrachtet wird, liegt auf der Hand. Doch diese Konflikte stehen nicht im Zentrum der Erzählung, sondern bilden vielmehr den Hintergrund, auf der sich Husseins Familiengeschichte entfaltet. Diese Familie ist von Frauen geprägt: Sie gewähren Einblick in ihren Alltag, der von Widersprüchen zwischen Anpassung und Rebellion geprägt ist - und damit vielleicht gar nicht so weit weg von dem, was Frauen weltweit erleben. "Mutter aller Schweine" ist witzig, unterhaltsam und eindrücklich – mit einer kleinen Einschränkung: die Autorin verleiht der "Mutter aller Schweine" nicht nur im übertragenen Sinne eine menschliche Stimme, sondern lässt dieses Tier auch immer wieder über Seiten hinweg direkt zu den Leserinnen und Lesern sprechen. Diese fast fabelhafte "Vermenschlichung" hat mich etwas gelangweilt. Ansonsten: Unbedingte Leseempfehlung!


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