Ins Herz gebrannt


Es gibt Geschichten im Leben und in der Literatur, bei denen ich immer hoffe, dass es irgendwie doch noch gut kommt. Und dann kommt es immer noch schlimmer. So ähnlich erging es mir bei "Mädchen brennen heller" von Shobha Rao. Die beiden Protagonistinnen dieses Romans - zwei junge indische Frauen - erleben so viel Erniedrigung, Unterdrückung und (sexuelle) Gewalt, dass die Lektüre manchmal fast unerträglich wird. Aber eben nur fast. Und genau darin liegt in meinen Augen das grosse Verdienst der Autorin: Was sie schildert ist die ungeschminkte, brutale, rohe Lebenswirklichkeit dieser jungen Frauen. Der Erzählungen reicht von einem Leben in Armut in einem Indien, das meilenweit von den Bollywood-Bildern entfernt ist, die in unseren Köpfen rumgeistern mögen, in die indische Unterwelt bis ins Menschenhändler- und Zuhältermilieu in den USA. Leicht könnte die Darstellung solch ausbeuterischer Verhältnisse ins Voyeuristische kippen, und in einzelnen Szenen schrammt Rao auch nur knapp daran vorbei. Dennoch ist "Mädchen brennen heller" vor allem ein grosser Roman über die Kraft von Freundschaft mit starken Frauenfiguren, die trotz aller Demütigungen vorwärts gehen. Dass der Autorin dieser Balance-Akt gelingt, hat wohl auch mit ihrem Hintergrund zu tun: Shobha Rao emigrierte als Kind mit ihren Eltern von Indien in die USA, studierte Biomedizinische Technik und Rechtswissenschaften. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie als Rechtsanwältin im Bereich häuslicher Gewalt und vertrat insbesondere Opfer mit Migrationshintergrund. Sie weiss also genau, wovon sie schreibt und tut dies mit Empathie aber ohne falsche Sentimentalitäten. Ein Buch, das sich ins Herz brennt.


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