Mit den eigenen Abgründen konfrontiert


Ein Buch über die Shoah, über eine Spurensuche, über die Gewalt in Konzentrationslagern: Kann da jemand noch was Neues erzählen? Und vor allem: Kann er neu erzählen?

Die Antwort lautet: Ja. Als der französische Autor Fabrice Humbert 2009 den Roman "L'origine de la violence" veröffentlichte, beglückwünschte kein Geringerer als Jorge Semprun den jungen Autor. Zu Recht: Denn was Humbert hier vorlegte, ist nicht nur eine literarisch gekonnt umgesetzte, spannende Familiengeschichte, sondern auch eine nüchterne und gleichzeitig ergreifende Auseinandersetzung mit den eigenen Abgründen. Zur Handlung: Nathan Fabre, ein junger Lehrer aus Paris, entdeckt auf einer Klassenreise ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald auf einer Fotografie einen Häftling, der seinem Vater verblüffend ähnlich ist. Doch wie kann das sein? Fabre entstammt einer wohl angesehenen normannischen Familie, der Mann auf dem Bild ist ein deportierter französischer Jude. Der Lehrer fängt an zu recherchieren und findet heraus, dass der Mann tatsächlich sein Grossvater ist. Das wäre ein Plot, der reichlich Romanstoff bietet. Doch damit begnügt sich Humbert nicht - zum Glück. Denn seine (autobiografische) Romanfigur begibt sich nicht einfach auf eine historische Reise, sondern konfrontiert sich und seine Gesprächspartner (in der Mehrzahl Männer) mit den eigenen Abgründen, mithin ihrer Rolle in Geschichte, Gegenwart, Gesellschaft und Familie. Wer ist Täter, wer Opfer? Lassen sich die Rollen immer klar voneinander trennen? Wo liegt der "Ursprung der Gewalt" - und welche (Spät-) Folgen hat sie? Der Verlag "Elster & Salis" hat den preisgekrönten Roman erstmals in einer deutschen Übersetzung und damit in einer Sprache vorgelegt, die dem Autor "am meisten bedeutet, da es sich um die Muttersprache meiner Frau handelt", wie er im Vorwort schreibt. Die Fiktionalisierung von Humbert Familiengeschichte ist grosse Literatur: ergreifend ohne Pathos, nüchtern ohne zu langweilen, aktuell und eindringlich.



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