Roadtrip in die Seele

September 18, 2020

Als Anna Sterns "das alles hier, jetzt" in meinem Briefkasten landete, war die Autorin noch nicht für den Schweizer Buchpreis nominiert. Und hätte der Verlag Elster & Salis nicht wieder mit der wunderschönen Aufmachung dafür gesorgt, dass man das Buch einfach zur Hand nehmen muss, wer weiss, ob ichs überhaupt gelesen hätte - weil ich nämlich eine Abneigung gegen durchwegs klein geschriebene Texte habe. Es hat sich gelohnt, meine Skepsis zu überwinden, und die Nominierung ist hochverdient. Anna Stern lotet in diesem Buch aus, welche Abgründe der Tod eines nahen Menschen im Umfeld von Familie und Freunden öffnet: Gemeinsam erlebte Geschichte(n), Widersprüche, Unausgesprochenes, Glück, Trauer, Beziehung und Beziehungslosigkeit. Während der erste Teil des Romans quasi die Splitter dieses Lebens und des Unvermögens angesichts des Todes ausbreitet - bruchstückhaft, unchronologisch, assoziativ und eindringlich - schildert sie im zweiten Teil einen Aufbruch, einen Road Trip, der die Befreiung aus der Trauerstarre bringen soll. Das alles ist lesenswert, wenn man sich erst mal auf die formalen Eigenheiten eingelassen hat: Die konsequente Kleinschreibung erhöht die Dringlichkeit, weil sie jedes Wort gleich gewichtet, die formale "Disparatheit" im ersten Teil spiegelt die Zerrissenheit der Protagonistin. Im zweiten Teil gewinnt der Text durch die Absurdität des Unterfangens und Situationskomik eine gewisse Leichtigkeit. Abstriche in der Qualität dieses Romans würde ich allerdings in einem zentralen Punkt machen: Die Geschichte ist durch klare Bezüge auf Lebensgewohnheiten, Landschaften und gewisse Konsumprodukte deutlich in der Schweiz zu verorten, die Namen der AkteurInnen wirken jedoch wie von einem fremden Planet. "Ananke", die verstorbene Freundin und der Fixstern um den alle andere kreisen,  ist in der griechischen Mythologie die Personifizierung des unpersönlichen Schicksals; das ist zwar durchaus passend, aber doch etwas zu aufgesetzt: während der Lektüre eines Romans will ich nicht ständig an meine (Un-)Bildung erinnert werden. Auch die anderen Figuren tragen Namen, die ich im "echten" (und auch im "literarischen") Leben noch nie gehört oder gelesen habe. Ich gehe davon aus, dass da Absicht dahinter steckt: Vielleicht wollte Anna Stern ja auch eine Art abgeschottetes Universum inmitten der helvetischen "Insel der Glückseligen" zeigen. Sollte sie tatsächlich den Buchpreis abräumen, bin ich gespannt auf diesbezügliche Fragen und Erklärungen. Ansonsten: Selber lesen, selber denken. 

 

 

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