Künstlerisches Kammerspiel

September 15, 2019

Ein alterndes Paar - er, ein selbstverliebter Künstler, sie, die Frau an seiner Seite, loyal, leidend und trotzdem solidarisch und ein verkrachter Student: Das sind die Akteure in Jan Peter Bremers "Der junge Doktorand". So harmlos der Titel auch klingen mag: Darunter tun sich gewaltige Abgründe auf. Das Paar - die Greilachs - lebt  isoliert in einer abgelegenen Mühle. Seit zwei Jahren warten sie auf den Besuch des "jungen Doktoranden". Er soll mit seiner Arbeit dem ehemals respektablen Künstler Günter Greilach zu jenem Ruhm in der Nachwelt verhelfen, der ihm seiner Ansicht nach gebührt. Natascha Greilach wiederum erhofft sich vom jungen Mann eine Art Jungbrunnen, der sie aus der Alltagsroutine an der Seite ihres Gatten, des verkannten Kunst-Genies befreien könnte. Selbst wenn der lang ersehnte und gleichzeitig gefürchtete Gast tatsächlich ein Doktorand wäre (was er nicht ist, wie er bereits nach der ersten Nacht seiner Gastgeberin beichtet), könnte er den Ansprüchen dieses in einem Dauerstreit miteinander verbundenen Paars nicht genügen. Er wird mitten hineingezogen in diese Auseinandersetzung um Kunst und Leben, Anspruch und Wirklichkeit. Er ist ein (fast) stummer Akteur, ein zuweilen fassungsloser Zuschauer und Stichwortgeber für ein fast surreal anmutendes Kammerspiel. Beide Greilachs ringen um die Aufmerksamkeit dieses jungen Mannes, lechzen nach seiner Anerkennung, während dieser vom ersten Moment des Betretens dieses Hauses nur an seine Flucht denkt. Das Setting dieser Begegnung wirkt insgesamt fast bedrückend altmodisch und doch entwickelt sich ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Mich hat "Der junge Doktorand" zeitweilig an "Der Gott des Gemetzels" erinnert, bei dem eine zunächst gesittet anmutende Begegnung zweier Paare total eskaliert. Auch beim "jungen Doktoranden" scheint alles auf eine Katastrophe hinauszulaufen. Die Katastrophe, die dann eintritt, ist allerdings eine sehr leise - nämlich die Fortsetzung respektive Wiederaufnahme der Routine. Jan Bremer legt mit "Der junge Doktorand" eine virtuos geknüpfte Geschichte vor, die durch Sprachwitz und Tiefgründigkeit überzeugt. Nominiert für den Buchpreis 2019.

 

 

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